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| Zur Welt kommen. Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen. (Broschiert) von Peter Sloterdijk
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"Nachtigallenchöre" - gibt es nicht...
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Wenn man zur Welt gekommen ist, kann man noch nicht sprechen. Das bedarf einer zweiten Anstrengung. Selbst das Nachplappern des Gehörten kann nicht gemeint sein. Falsche Vorbilder gibt es genug: das Besitzstandswahrungsdeutsch der Interessenverbände, die pedantische Objektivität und der zynische Schaum, das Ambitionsdeutsch der Habilitanden, das Therapeuten- und Mediendeutsch. Zielpunkt ist natürlich, zur eigenen Sprache zu kommen, das selbst Gefühlte andern verstehbar zu machen, eine begehbare Brücke zwischen Innen- und Außenwelt zu konstruieren. Sloterdijk beschreibt mit viel Liebe zum Detail des Themenkomplexes, dass die "Entbindung" von Sprachgewohnheiten der sozialen Umgebung in hohem Grade nötig ist, vielleicht auch eine psychoanalytische Selbsterforschung, die bis an den Anfang der eigenen Biographie zurückreicht, um von allen hinderlichen Fixierungen wirklich frei zu werden, außerdem sei notwendig ein Absagen an alle vordergründigen Ideologien oder nationalen Beeinflussungen. Ohne Dialogfähigkeit und die Bereitstellung einer Plattform ginge es zudem wohl auch nicht - sei es Papier oder Mikrofon (oder wie der Rezensent etwas spöttisch hinzufügen möchte: sei es Internet oder ZDF-Talkshow). Die Rolle der Poesie, betont Sloterdijk, sei in diesem Zusammenhang die Leistung, von keiner Ideologie mehr verhext zu sein. Den undialogischen Terror der Geschichte muß Dichtung beiseite legen können. Poesie darf nicht der Spiegel irgendeiner geistesgeschichtlichen Strömung sein; magnetische, kompassverdrehende Macht haben sie aber alle, das weiß der Philosoph Sloterdijk zu berichten: Sokrates hinterließ die Gefahr des "Tugenddünkels", Platon die der "Verstiegenheit", Diogenes die Gefahr der "Verwahrlosung". Buddha verleite zur Depressivität, die monotheistischen Religionen wärfen einen paranoiden Schatten. Der Marxismus habe zur Gewaltanwendung angestiftet und der "großdeutsche Sektenführer Hitler" habe mit dem Stoff hantiert, aus dem die "Höllenträume" seien. Sloterdijk verfasst hier also einen flammenden Aufruf zum Selbstwerden im Schreiben und Sprechen. Mut zur Individualität sei dabei konstituierend, wer sich im Chor der Meute aufhalte, habe nicht wirklich singen gelernt: "Nachtigallenchöre" - so formuliert Sloterdijk im wieder an Wortschöpfungen reichen Vortrag - "Nachtigallenchöre" - gibt es nun mal nicht...
Eine Rezension von Dietmar Fritze "frizztext" Germany
vom 25. Oktober 2001
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