Geschichte der Pädagogik: Von Platon bis zur Gegenwart
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Die Idee der Pädagogik
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Geschichte der Pädagogik: Von Platon bis zur Gegenwart (Taschenbuch) Nur einem kann es - laut Selbstaussage - gelingen, die Geschichte der Pädagogik in einem schmalen Büchlein auf weniger als 130 kleinen Seiten abzuhandeln: Winfried Böhm.
Dass dies möglich ist, hat einen methodologischen Grund: Der international bekannte und anerkannte Professor für Allgemeine Pädagogik, dessen Hauptwerke "Theorie und Praxis" und das "Wörterbuch der Pädagogik" zu Standardtexten des Faches gehören, rückt in sein engumsponnenes Gesichtsfeld nicht irgendeine oder irgendwelche Ideen, sondern DIE Idee der Pädagogik schlechthin und betrachtet diese in einer konzisen Darstellung "im Hinblick auf" ihre "geschichtliche Ausprägung und Ausgestaltung." Diese Idee besteht, kurz gesagt, darin, dass der Mensch kraft seiner Fähigkeit zu Sprache, Vernunft und Freiheit seine Bestimmung nicht von außen empfängt, sondern sich diese selbst gibt und damit zum Autor seiner eigenen Lebensgeschichte werden kann. Er ist dazu bestimmt, sich selbst zu bestimmen und Erziehung leistet Hilfe und Unterstützung, damit der werdende Mensch, sprich: der Zögling, sein Leben selbstbestimmt gestalten kann.
Die Wurzel dieser Idee erblickt Böhm in der griechischen Antike, deren herausragenden Protagonisten - die Sophisten, Isokrates, Sokrates, Platon, Aristoteles und die Stoiker - zur Grundlegung dieser Idee entscheidend beitrugen. Im Judentum und Christentum verfolgt er deren schichtweise Anreicherung, um an jener Zäsur Halt zu machen, wo diese Idee, wie der Autor formuliert, "zu sich selbst kommt": Bei Jean Jaques Rousseau. Indem die Erziehung in der Epoche der Aufklärung erstmals Gegenstand einer dezidierten wissenschaftlichen Reflexion ("Emilé oder über DIE Erziehung") wird, erwacht sie aus dem Dämmerschlaf einer vom Zufall bestimmten und zum Zwecke der Theologie und Philosophie gebrauchten, besser: mißbrauchten Methode.
Kant, sowie Schleiermacher und Herbart, beide als Gründervater der wissenschaftlichen Pädagogik bezeichnet, bemühen sich im Gefolge Rousseaus um einen systematischen Entwurf, einer begründeten Theorie der Erziehung. Mit den mehr oder weniger der Romantik verpflichteten Autoren wie Pestalozzi, Hegel, Schiller und Fröbel wird der neugefassten Erziehungs- und Bildungsbegriff in all seinen Schattierungen und Ausdifferenzierungen umkreist.
Nach den Stationen Marx, Kiergaard und Nietzsche, die den Menschen als gesellschaftliches bzw. individuelles Wesen erfassen, kommt der Autor mit Dilthey, der als Vater der modernen Geisteswissenschaften und der geisteswissenschaftlichen Pädagogik gilt, und Dewey, der mit seinem radikalen Gedankengut aus dem Dunstkreis der mit dialektischen Begriffen operierenden europäischen Pädagogik tritt, zu einem vorläufigen Abschluss seiner geschichtlichen Betrachtung der Idee der Erziehung.
Im letzten Kapitel widmet er sich nun den Möglichkeiten zu, von welchem Standpunkt aus man Erziehung denken kann: von der Natur, von der Gesellschaft oder von der Person aus. Während Böhm die Pädagogiken der Natur und Gesellschaft in ihren Einseitigkeiten entlarvt und in seinem Hang zu Übertreibereien fast als Häresien abstempelt, stellt er den von ihm selbst vertretenen (pädagogischen) Personalismus, der die beiden Positionen Natur und Gesellschaft nicht leugnet, in ein desto helleres Licht dar. In diesem kommt die Idee explizit zum tragen, so dass eine Erziehung überhaupt nur vom Prinzip der Person zu denken ist.
Das in einer für den Autor typischen prosaischen Sprache verfasste und frei jeglicher neumodischer szientistischer Terminologie gehaltene Buch ist in besonderem Maße für jene geeignet, die sich einen kurzen Überblick über die Geschichte der Pädagogik verschaffen und dabei auf die (lästige aber dennoch auch notwendige)Institutionengeschichte verzichten möchten. Nur jene für die Pädagogik relavanten Personen, wo die eben erwähnte Idee auftaucht und produktiv weiterentwickelt wird, werden zum Gegenstand der historiographischen Betrachtungen Böhms. Erzieher und Lehrer, die sich bisher nur auf Handreichungen und wertneutralen Methoden stützten, werden hier der historischen Begründung ihres erzieherischen Tuns versichert.
In der Tat kann dann dieses Büchlein, wie es im Vorwort heißt und durch die zwei sich schneidende Kreise auf dem Cover symbolisch angedeutet wird, einen konstruktiven Beitrag zur Vermittlung zwischen pädagogischer Theorie und erzieherischer Praxis leisten.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 13. September 2004
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