Naqoyqatsi
von Godfrey Reggio


 
Grandios
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

Geschlagene 15 Jahre hat man an diesem Film gearbeitet. Ganz hobbymäßig, entspannt und bastlerisch.
Man hatte sich die Zeit genommen, keinen finanziellen Ruhm erwartet, sondern darauf vertraut
ein Lebenswerk schaffen zu wollen und einen würdigen Abschluss zu kreieren, indem Bilder
und Musik wieder miteinander verschmelzen können. Diesmal berief man sich auf Archivmaterial,
drehte nur wenige Sequenzen extra neu, im Gegensatz zu Koyaanisqatsi und Powaqqatsi, wo jedesmal
Kameraleute am Werk waren, die bis heute bahnbrechende und unglaublich einflussreiche Arbeiten
ablieferten. Jediglich das Kommentarlose und Dialoglose seiner Vorgänger hatte man übernommen.

Keinesfalls machten Philip Glass und Regisseur Godfrey Reggio sich die Arbeit dadurch leichter;
hunderte Stunden Filmmaterials wurden gesichtet und mussten auf Tauglichkeit bezüglich der Thematik
geprüft werden. Werbefachmann Jon Kane stand dabei zu Rate und half bei der Gliederung des
Films. Man einigte sich darauf Naqoyqatsi eine ganz eigene Sprache zu geben, indem man einfache
und für jeden bekannte Photoshop-Effekte über die Bilder legte. Fertige Abschnitte wurden dann
dem Komponisten Glass vorgelegt, um die Musik direkt zu den Abfolgen schreiben zu können.
Dabei wurde lange experimentiert, diskutiert und wieder verworfen, bis man schließlich mit den
Ergebnissen zufrieden war. Als Musiker konnte man den Cellist und Virtuose Yo-Yo Ma
gewinnen, dem es zu verdanken ist, das der Film eine Stimme hat, die zwar nicht spricht, aber
dafür einen durch den Film begleitet und einen an die Hand nimmt. Ganz kraftvoll und emotional
zieht er seine Melodien und da wo es erschreckend wir verpasst Ma Naqoyqatsi die nötige Tragik.

Das Thema dieses Filmes ist die Eroberung des Menschen durch die Technik, und auf wunderbare
Weise kann er seine These beweisen. Wir sind bereits so umzingelt und in Beschlag genommen,
dass sich wohl viele Zuschauer vor den Kopf gestoßen fühlen. Dennoch muss jemand dieses Experiment
riskieren, sich dort hinauswagen, wie Soderbergh sagt, der diesen Film produziert hat und für die
finanzielle Unterstützung gesorgt hatte. Gar metaphysische Anklänge, virtuelle Welten,
Simulationen, ein Brei aus Formeln und binarischen Zahlenkodes fliegen dem Betrachter
entgegen, machen vor nichts halt, selbst der menschliche Körper ist vollkommen in seine
Einzelteile zerlegt und durchleuchtet. Wir atmen Technik, vergöttern sie und vertrauen ihr unser
Leben an. Ein Brutkasten, allerdings ein kalter, illusionärer.

Klar polarisiert dieser letzte Teil mehr als seine beiden Vorgänger und man kann wohl auch
behaupten, dass mit einmaligem Ansehen es nicht getan ist, zu komplex ist die Bildersprache.
Ich habe diesen Film bereits über 50 Mal gesehen und jedes Mal wieder entdecke ich
neue Interpretationsmöglichkeiten. Gerade die Vielschichtigkeit in Bezug auf die Deutung
macht diesen Film so interessant und immer wieder sehenswert. Die Bilder werden zu
suggestiven Toren und ganzen Landschaften in denen man sich verliert, wie Reggio ja selbst sagt.

Naqoyqatsi ist klar thematisch untergliedert. Er beginnt mit Klassizismus, den Möglichkeiten
der Computer Animationstechnik, zeigt die Hast der Zahlen, die Digitalisierung unserer
Welt. Dann kommt Medizin und Sport, der Massenmensch, schließlich Mediengewitter,
bedeutungslos gewordener Bildermatsch der Werbeindustrie und immer wieder die Destruktivität,
das, was uns die Errungenschaft der Technik genommen hat, besonders eindrucksvoll erkennbar
gemacht beim Rückblick in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, wo Bilder noch was neues waren,
wo die Medien noch in den Kinderschuhen steckten.

Im vorletzten Kapitel werden wir mit Atomkrieg und Apokalypse konfrontiert, die erst durch
Wissenschaftswahn in den Bereich des Möglichen gerückt wurde. Da sieht man Atompilze, Druck-
wellen die Häuser zerstören und einen Kinderbus umwerfen. Nuklearer Winter wird angedeutet.
Es liegt in der Hand des Menschen durch die Technik unseren Globus vollkommen vernichten zu
können. So weit haben wir es also gebracht.

Das verträumte, zeitlose Ende des Films ist das Beste, was die gesamte Trilogie zu bieten hat.
Gänsehaut pur, wenn da in roten Farbtönen ein Fallschirmspringer seine Pirouetten dreht und
Philip Glass einer seiner schönsten Melodieläufe anstimmt, die er je geschrieben hat, bekommt
der Film einen sehr hohen Kunstgehalt und alles scheint verstanden; wir sind virtuelle Wesen
in einer virtuellen Welt.

Man kann diesen Film nicht empfehlen, da man ihn entweder hasst oder sich, wie ich, in ihn
ganz vehement verliebt. Das Risiko muss man eingehen. Nur eine Chance sollte man ihm geben,
sich auf das Experiment Technik mit Technik zu kritisieren, einzulassen. Dann sind die Bilder
nämlich nicht sperrig und entstellt, sondern perfekt entlarvend.

Es gibt keine bessere Gelegenheit unsere Medienwelt von einer höheren Ebene zu betrachten, als
mit Naqoyqatsi, da dieser Film so äußerst mutig und selbstbewusst daherkommt.
Reggio hält uns noch einmal den Spiegel vor; wir leben bereits in einer utopischen,
verkabelten und völlig futuristischen Welt, aus der wir nicht mehr entfliehen können, da jede
Ameise gezählt, jeder Stern vermessen und jeder menschliche Knochen benannt ist.

Ja, die Technik hat uns erobert und wie haben diesen Krieg verloren.
Eine Rezension von Rezensentin/Rezensent
vom 27. Juli 2005
Kundenrezensionen:
9. hätte mehr erwartet
8. naqoyqatsi
7. Grandios (die aktuell angezeigte Rezension)
6. sperrig
5. Enttäuschender Abschluß der Trilogie
4. uninspiriert, platt und spannunglos
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