Im Weltinnenraum des Kapitals (Gebundene Ausgabe)
von Peter Sloterdijk


 
Peter Sloterdijk "Im Weltinnenraum des Kapitals"
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Peter Sloterdijk schreibt seine philosophische Geschichte der Globalisierung um die Frage herum, wieso die USA, 200 Jahre lang das bewunderte Zentrum des Weltkapitalismus, seit dem Irakkrieg als "Fremdkörper im moralischen Ökosystem der posthistorischen Weltkommune" wahrgenommen werden.
Was bedeutet diese Verschiebung im moralischen Bewusstsein? Was ist das Neue an der "Globalisierung"?
Eine geschichtsphilosophische Antwort bietet Peter Sloterdijk. Globalisierung ist für Sloterdijk der fünfhundertjährige Prozess der europäischen Welteroberung. Diese Welteroberung war mit dem Ende des Kolonialismus nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschlossen. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich das "europäische Weltsystem" global entfaltet. Seine Grundsätze definieren die gesamte Lebensweise auf dem Globus. Sloterdijk nimmt den Terminus "Globus" in "Globalisierung" ernst und fragt sich: Seit wann gibt es eine Rede vom "Globus" und was bedeutet sie?
Die Globalisierung ist eine seit fünfhundert Jahren andauernde Revolution des Weltbildes. An die Stelle des ptolemäischen Weltbildes, in dem jeder Ort unter einem ihm eigenen Himmel geborgen ist, tritt das Bild einer Erde, auf der jeder Ort nur noch ein verkehrstechnisch mehr oder weniger gut erschlossener Punkt ist, ein möglicher Standort auf der Kugeloberfläche der Erde für das weltweit agierende Kapital. Die Mittel zur Herstellung der neuen Welt waren Entdeckung, Eroberung, Unterwerfung, die bekannten Machttechniken des Kolonialismus und Imperialismus. Diese galten den europäischen Mächten gerechtfertigt durch ihre welthistorische Mission. Ihre Verbrechen waren heroische Taten, da sie einem historischen Telos dienten. Die zur unilateralen Bluttat moralisch enthemmende Instanz war "die Geschichte".

"Die Ideologen (deren funktionale Vorgänger im 16. Jahrhundert die italienischen secretarii und die Beichtväter der Fürsten waren) enthemmten sich selbst und ihre Klienten üblicherweise im Namen der "Geschichte" und ihrer ehernen Gesetze - daher die für diese Ratgeber unvermeidliche Aufgabe, ihre nicht selten gewalthaften Einflüsterungen als Ausflüsse einer "Wissenschaft von der Geschichte" zu präsentieren."

Peter Sloterdijk

Diese "Geschichte" ist heute beendet, das Ziel ist erreicht. Die globalisierte Erde ist Realität. Das Zeitalter der "Globalisierung" ist geronnen zum "Globalen Zeitalter".
Heute leben wir in der Nach-Postmoderne, der "Virtual Reality" und "Virtual Economy", der hedonistischen und individualistischen Medien- und Cyberspace-Gesellschaft des globalen Konsumenten und entfesselten totalen Marktes.
Der Zeit des anglo-amerikanisch geprägten ideologischen (Neo-) Liberalismus und Monetarismus.
Die Erde bietet keinen Raum mehr für weit ausgreifende Bewegungen, sie ist eingeengt durch Rück- und Wechselwirkungen. Für imperiale Einseitigkeiten ist in der etablierten Globalität kein Platz mehr. Sie ist der Zustand "erzwungener Nachbarschaft mit unzähligen zufällig Koexistierenden", ein Leben im "Kristallpalast", ein Zustand erhöhter Dichte, der zu Kommunikation und Rücksichtnahme zwingt.
Wenn die posthistorische Welt kein Raum mehr für einseitige Expansionen lässt, für eine unilaterale Praxis, wird die Frage um so drängender: Was bedeutete der US-amerikanische Unilateralismus des Irakkrieges? Verstehen die USA die Zeichen der Zeit nicht? Was hindert sie, sich einzugliedern in die "posthistorische" Weltgemeinschaft? Wie zukunftsfähig ist dieser Rückfall in "historische Zeiten"?
Globalisierung (von lat. globus, »[Erd-]Kugel«) ist die weltweite Ausbreitung des Kapitals weniger, normalerweise US-amerikanischer (»internationaler«) Aktiengesellschaften mit der Folge weltweiter Angleichung aller Wirtschaftsvorgänge. Voraussetzung dieses Vorgangs war erstens der sehr hohe Stand der Transportmittel, zweitens die politische Vernichtung und militärische Ausschaltung des einzigen auch nur einigermaßen verteidigungsfähigen Konkurrenten der USA, der Sowjetunion. In der Folge wird sich, zumindest außerhalb der USA, der Lebensstandard weltweit vereinheitlichen, und zwar auf sehr niedrigem Niveau.
Das Wort Globalisierung dient vor allem als Ersatz- und Kanalisierungsbegriff für die US-Weltherrschaft. Zum Zentrum der Kritik wird nicht etwa der Imperialismus oder der Kapitalismus erhoben, sondern das »Globale«, dem höchstens ein vager und träumerischer, auf primitive Autarkie zielender Individualismus entgegengestellt wird (und auch dieses nur theoretisch). Der Vorgang wird dadurch sowohl als unabwendbar wie als alternativlos suggeriert (der Gedanke an eine weltweite vernünftige, der Mehrheit statt einer sehr kleinen Minderheit von Großbesitzern zugutekommenden Wirtschaftsplanung soll suggestiv belastet bleiben und dadurch möglichst nicht aufkommen; sogar der - freilich aufgrund der Eigengesetzlichkeit des Marktes problematische - nationale Protektionismus soll als Defensivstrategie möglichst gar nicht erst unbefangen diskutiert werden).
Am Pro-US-Parteienkartell als Regierungsmonopol wird in der BRD mit aller Gewalt, Propaganda und Wahlbehinderung, neuerdings vielleicht sogar Wahlfälschung verbissener und eiserner festgehalten als an der »führenden Rolle der SED« und ihrer Blockparteien in der wegen Schwächlichkeit (und militärischer Unterlegenheit der Sowjetunion) untergegangenen DDR, in der es wegen Mißwirtschaft mancherlei nicht zu kaufen gab, aber nicht deshalb, weil der Staat auf einmal seine Soldaten für die Herrschaft der Amerikaner in Afghanistan oder dem zermetzelten Irak bezahlen mußte. (Wo sind eigentlich dessen Wunderwaffen, die als Rechtfertigung herhalten mußten, Bushs breitgetretener irakischer »Sender Gleiwitz«?! Und glaubt noch jemand wirklich an islamische Terroristen ohne US-pakistanische Fernsteuerung beim WTC-Attentat in New York oder auf dem Hauptbahnhof Madrid, ausgerechnet als Spanien seine Verbrechertruppen aus dem besetzten Irak zurückziehen wollte?! - Das alles hat mit »Hartz« nichts zu tun!, mag eine Schlafmütze nölen. - Doch, es hat damit zu tun, sehr viel sogar.)
Da alle Welt unter den US-Militärstiefel geraten ist (nur die indischen und chinesischen Kaninchen starren noch auf die Schlange), sind die Lohnabhängigen bzw. Besitzlosen aller Länder auch mit keinem nationalen (deutschen, französischen, bald auch japanischen, koreanischen usw.) Kapital mehr konfrontiert, sondern entweder mit US-amerikanischem oder einer US-amerikanischen »Beteiligung«, daneben haufenweise direkten US-Gewaltakten gegen das verbliebene Nicht-US-Kapital (z.B. Milliardenraub an Nicht-US-Konzernen durch US-»Gerichte«, erpreßte, ungleiche Handelsbedingungen - Stichwort FDA-Norm beispielsweise, die extrem parteilich Nicht-US-Chemiekonzerne ruiniert und ruinieren soll - usw. usf.). Es sind die gleichen Verhältnisse, die sich in den europäischen Kolonien des 19. Jahrhunderts im Bezug zu den »Mutterländern« gebildet hatten, wovon sich die kolonisierten auch nie mehr erholt haben - nur, daß wir Europäer, Türken, Asiaten usw. der Gegenwart nur noch ein einziges »Mutterland« haben und dieses Atomwaffen
Heute holt sich die herrschende Klasse, mittlerweile internationalisiert und in der ersten Riege fast nur noch aus US-Amerikanern bestehend, die erkämpften sozialen Errungenschaften des "Klassenkompromisses" mit der Arbeiterbewegung zurück. Denn sie hat es durch die gründliche Umfunktionierung der gesamten »Linken« zu bloßen Regierungs- und Volksverdummungsorganen, also ihrer substantiellen Vernichtung, einfach nicht mehr nötig, irgend etwas abzugeben, am wenigsten in abhängigen Satellitenstaaten (wie allen der EU, besonders aber unserem und England) - der »Ostblock«, zuvor schwächlich und schon lange deformiert, ist inzwischen auch vernichtet und stört daher nicht mehr, der »Sozialstaat« wird deshalb abgeschafft. (Entstehen konnte er auch im 19. Jahrhundert nur, weil es nur wenige erstklassige Industriestaaten gab und deren Arbeiterorganisationen etwa gleich stark waren und deshalb zusammenhielten.) Wie bei allen historischen Verbrechen, die mehr durch Lüge als durch Blutvergießen durchgeführt werden können, fällt die Durchführung dieser Aufgabe, die Abschaffung des »Sozialstaats« und damit die Verelendung ihres Teils von Europa (also dessen »Globalisierung«, d.h. Drittweltniveau für alle, weil die sog. 3. Welt eben denjenigen Teil der Welt darstellt, der aus historischen Gründen niemals eine mächtige Arbeiterbewegung hatte und deshalb ein entsprechendes, also elendes Lebensniveau aufweist) der SPD zu. Sie hat solche Aufgaben immer - und wird deshalb, wenn sie anstehen, von der herrschenden Klasse an die Macht gebracht oder auch von ihr in die Reserve zurückgezogen, wenn sie sich psychologisch abzunutzen droht und nicht mehr unmittelbar für ihren ewig gleichen schweinischen Zweck gebraucht wird - in alten Zeiten mittels der (nur dafür von der US-Besatzungsmacht geschaffenen) FDP.

Für Peter Sloterdijk sind die geistigen Fundamente Amerikas selbst mitverantwortlich für die moralische Isolation der USA in der "posthistorischen Weltkommune". Das ständige Vorsichhertragen der Idealen der Gründerväter macht die USA blind für die reale historische Situation. Sloterdijk vermutet einen komplizierten Verblendungszusammenhang, der eng verwoben ist mit dem amerikanischen Auserwähltheitsglauben. Im goldenen Zeitalter Amerikas, als die revolutionäre Republik noch umgeben war von kolonialistischen und imperialistischen Mächten, machte der Glaube an die demokratische Mission Amerikas noch Sinn. In der posthistorischen Welt wird dieser Glaube zur Falle. "Für Auserwählte ist die Mittelmäßigkeit verboten." Folge ist eine systematische psychosoziale Bilanzfälschung. Die "beschönigende Fälschung der Activa" und die "Unterschlagung von Depressionsgründen" durchdringt in Sloterdijks Diagnose das gesamte amerikanische Motivationssystem. Das ganze Land ist manisch. Es kann und darf keine Niederlagen geben. Unkontrollierbare Abhängigkeiten können daher nicht geduldet werden, ihre Existenz wird mit aller mobilisierbarer Energie geleugnet.

"Mit einer Blindheit, die an antike Helden denken lässt, übersehen die amerikanischen Strategen und ihre Konsultaten dank ihrer erworbenen Unfähigkeit, elementare Tatsachen zu erkennen, dass reziproke Hemmung den modus operandi des postmodernen Weltzusammenhangs als solchen ausmacht, weil dieser unweigerlich auf Verdichtung, Zurückkoppelung und - um das ausgelaugte Wort nun doch zu benutzen - Vernetzung beruht."

Peter Sloterdijk

Trotz dieser erworbenen Blindheit ist der "postmoderne Weltzusammenhang" auch für die USA eine unhintergehbare Voraussetzung ihres Handelns. In welcher Gestalt also kehrt das Verleugnete in der amerikanischen Strategie wieder?

"Die große Mobilmachung durch das Kapital muss stehenlassen, was sich der Liquidierung widersetzt. Sie kann lokale Kulturen nicht per Auslandsüberweisung transferieren, sie kann die generativen Prozesse modifizieren, aber nicht ersetzen."

Peter Sloterdijk

Die Sloterdijksche Geschichte der Globalisierung klingt daher mit einem Lob auf das Irreduzible, das Störrische des Lokalen, der Vielfalt der Sprachen und des unhintergehbar Natürlichen aus, übrigens ganz ähnlich wie John Perkins Beichte in "Bekenntnisse eines Economic Hitman" mit einem Blick auf die Ureinwohner Ecuadors endet. Die postmoderne Welt des 21. Jahrhunderts wird eine multipolare Welt regionaler Kompetenzen sein. Für "ewige" Asymmetrien ist in ihr auf Dauer kein Platz.
Eine Rezension von Rezensentin/Rezensent
vom 13. Juni 2005
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