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| Wilde Erdbeeren (Special Edition, 2 DVDs) von Victor Sjöström
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Meisterwerk Ingmar Bergman's
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Ich kenne und liebe Ingmar Bergman Filme schon seit meinem 20. Lebensjahr. Wenn man einmal "Wilde Erdbeeren" gesehen hat vergisst man diesen Film nie mehr. Ich kenne viele Bergman Filme, aber ich denke "Wilde Erdbeeren" ist sein Meisterwerk. Wenn man in der Einleitung aus dem Off hört, dass der Protagonist Isak Borg auf das oberflächliche Zusammenleben mit seinen Mitmenschen gerne und freiwillig verzichtet hat und sich als Einzelgänger der Liebe zur Wissenschaft gewidmet hat kann man schon erkennen dass Isak zur Reflexion und Einsicht fähig ist. Er kann sogar zugeben dass seine Pedanterie den Menschen, die gezwungen waren mit ihm zusammen zu sein, das Leben nicht leichter gemacht hat und ihm selber auch nicht. Der 78-jährige Isak Borg, meisterhaft gespielt von Victor Sjöström, soll zum Doctor Jubilaris in der Kirche zu Lund promovieren. In der Nacht zu seinem Ehrentag hat er einen bedrückenden Traum. Er hat an einem Sonntag morgen in einem ihm unbekannten Stockholmer Stadtteil die Orientierung verloren. Er sieht eine Uhr ohne Zeiger, eine Art Puppe mit entgleisten Gesichtszügen, aus deren Kopf dennoch, nachdem sie umfiel, Blut fliesst, wie bei einem Menschen. Dann kommt ein Leichenwagen ohne Kutscher mit zwei Pferden, der an einem Laternenmast hängen bleibt, ein Rad verliert und mühsam weiter fährt. Während dieser Vorgänge rutscht der Sarg des Leichenwagens herunter und der Deckel öffnet sich. Eine Hand streckt sich herausfordernd aus dem Sarg heraus und reicht sie Isak, der sie auch ergreift. Mit Entsetzen bemerkt er, dass er sich selber als Toter aus dem Sarg anblickt. Isak Borg ist dem Tod begegnet. Nach dem Frühstück fährt Isak mit seiner Schwiegertochter Marianne mit dem Wagen nach Lund. Beeindruckend die leeren Strassen in Stockholm, in den späten 50ern praktisch autofrei. Während der Autofahrt hält Marianne Isak Gefühlskälte und Selbstsucht vor. Isak biegt mit dem Auto von der Landstrasse ab um in Smultänslätten Marianne das Sommerhaus am See zu zeigen, in dem er mit seiner Familie bis zu seinem 20. Lebensjahr die Sommerferien verbracht hat. Marianne geht in den See zum Schwimmen. Isak ist allein und erblickt im nahen Wald des Sommerhauses wilde Erdbeeren. Sentimentale Erinnerungen überkommen ihn und er setzt sich nieder zu den wilden Erdbeeren und bewundert die Schönheit der wilden Früchte. Seine Phantasie führt ihn zurück in seine Jugendzeit als er seine Cousine Sara erblickt, die wilde Erdbeeren pflückt. Isak ruft Sara, war sie doch seine Jugendliebe, die später seinen Bruder Sigfrid geheiratet hat. Isak beobachtet wie damals in jungen Jahren die Szene als sein verliebter Bruder Sigfrid Sara küsst. Ein Gong beendet das Zusammentreffen Saras und Sigfrids, die Familie hat sich zum Mittagessen im Speisezimmer versammelt und will Onkel Aarons Namenstag feiern, für den Sara auch ein Körbchen wilde Erdbeeren gepflückt hat. Isak folgt den beiden ins Sommerhaus und beobachtet das bunte Familientreiben bei Tisch. Diese Rückblenden des alten Isak in seine Jugend sind grossartig dargestellt. Die insgesamte Darstellung des Films im Schwarz/Weiss-Format betont den Zauber wesentlich. Als Isak gänzlich in seinen Erinnerungen versunken ist wird er plötzlich von einer jungen Mädchenstimme in die Wirklichkeit zurückgeholt. Eine junge Frau, die sich als Sara vorstellt, spricht ihn an und möchte mit dem Auto mitgenommen werden, sie wolle nach Italien trampen. Sie hat noch zwei jugendliche Begleiter dabei und Isak, Marianne, die vom Schwimmen zurück ist, und die jungen Anhalter begeben sich mit dem Auto nach Lund. Der jungen Anhalterin, in einer Doppelrolle gespielt von der wunderschönen Bibi Anderson, erzählt Isak von seiner Jugendliebe, die auch Sara hiess und ihr tatsächlich ähnlich sah. Die Fahrt wird dann durch einen Unfall mit einem zerstrittenen Ehepaar unterbrochen. Zum Glück ist niemandem etwas passiert. Das zerstrittene Ehepaar fährt dann in dem grossen Wagen eine Zeit lang mit, wird aber von Marianne zum Aussteigen aufgefordert, weil die Streitereien für alle Mitfahrenden unerträglich werden. Während der Weiterfahrt lenkt Marianne den Wagen und Isak schläft ein. Im Traum begegnet ihm wieder seine Jugendliebe Sara, dort wo die wilden Erdbeeren wuchsen. Sara hat einen Spiegel in der Hand und lässt Isak hineinblicken. Diese Szene ist für den/die ZuseherIn sehr ergreifend, vor allem der Gegensatz zwischen der Jugend und dem Alter. Was für ein Bild! Die junge wunderschöne Sara und die edle Greisengestalt Isaks. Sara verletzt Isak wenn sie Isak als alten ängstlichen Mann bezeichnet, der bald sterben wird und sie hingegen das Leben noch vor sich hat. Sie sagt ihm dass sie seinen Bruder Sigfrid heiraten wird und verletzt Isak erneut, hat Isak doch selber Hoffnung auf Sara gehabt. Sara sagt Isak dass er die Wahrheit nicht ertragen kann. Sara verabschiedet sich um nach dem Baby ihrer Schwester Sigbrit zu sehen, das in einem Korb im Garten des Sommerhauses liegt. In der Abenddämmering nimmt sie das weinende Kind aus dem Korb und wiegt es zur Beruhigung im Arm. Dann läuft sie mit dem Kind in das Sommerhaus, wo Sigfrid schon wartet. Was für Schwarz/Weiss-Szenen! Die Vögel fliegen im Abendhimmel und die edle Greisengestalt Isaks taucht im Garten auf und blickt in der Dämmerung in den leeren Babykorb. Wie der Tüll des Babykorbs im Abendwind flattert und wie sich die edle Greisengestalt Isaks gegen den noch hellen Himmel abzeichnet! Unvergleichlich dieses Bild! Diese einmaligen Szenen muss man gesehen haben. Isak schreitet dann auf das Sommerhaus zu und sieht Sara und Sigfrid sich verliebt küssend. Sehnsüchtig blickt Isak in die Ferne, beobachtet den Mond, die Szene wechselt und Isak klopft an die Tür bei der Universität um sein Jubiläumsexamen abzulegen. Man beachte dabei eine kleine, aber sehr bedeutende Szene. Nachdem Isak an der Tür geklopft hat verletzt er sich an der rechten Hand an einem krummen Nagel, der sich an der mit Holz verkleideten Hauswand befand. Isak bemerkt auch die minimale Verletzung und betrachtet kurz seinen rechten Handteller. Er wird aber sogleich abgelenkt, da die Tür sich öffnet und er seinem Prüfer, der in Gestalt eines Anklägers auftritt, gegenübersteht. Dieser Prüfer/Ankläger wird von dem Ehemann des zerstrittenen Paares dargestellt, mit dem zuvor der kleine Autounfall passiert ist. Isak wird in einen Hörsaal geführt, der einem Gerichtssaal ähnelt. Der Tisch zwischen dem Prüfer und Isak gleicht einer Anklagebank. Zuerst verlangt der Prüfer, dass Isak Bakterien mit einem Mikroskop determinieren soll. Isak kann nichts sehen, obwohl das Mikroskop in Ordnung sein soll, wie der Prüfer sagt. Als nächstes soll Isak einen Satz von der Tafel ablesen und dessen Bedeutung sagen. Isak liest den Text, weiss aber nicht was der Satz bedeutet. Der Prüfer sagt, dass dieser Satz die erste Pflicht des Mediziners bedeutet und fragt Isak nach der ersten Pflicht. Isak bittet um Bedenkzeit, hat aber die erste Pflicht seines Berufs vergessen. Als der Prüfer Isak an die erste Pflicht des Mediziners erinnert, nämlich um Verzeihung zu bitten, freut sich Isak mit solch einer kindlichen, rührenden Freude, dass es einem das Herz zerschneidet. Dann erschrickt er, als er sich in den Hörsaal umdreht und in die versteinerten Gesichter einiger Studenten blickt. Der Prüfer fährt mit seiner Prüfung/Anklage fort. Er stellt den Tod einer Patientin fest, dargestellt von der Ehefrau des zerstrittenen Ehepaares mit dem Unfall, obwohl diese nach dieser Fehldiagnose die Augen öffnet und sich kaputtlacht. Ich möchte noch explizit darauf hinweisen, was für eine edle Greisengestalt Isak Borg, dargestellt von Victor Sjöström, ist. In meinem bisherigen Leben ist mir nur eine einzige vergleichbar schöne Greisengestalt begegnet und ich bin nicht mehr die Jüngste. Als der Prüfer die Anklage fortsetzt beachte man die kindlich rührende Geste der feingliedrigen Greisenhände, wie sie sich an der Anklagebank festhalten, als er so zart und kindlich fragt, ob die Anklage gravierend ist. Der/die aufmerksame und interessierte ZuseherIn wird einen Zusammenhang zwischen der kaum merklichen Verletzung der rechten Hand an dem krummen Nagel, vor Beginn der Prüfung und dem Ablauf der Prüfung feststellen. Die fast unmerklich an dem krummen Nagel verletzte Hand und die ergreifende rührende Kindlichkeit der edlen Greisengestalt gibt ihr etwas jesushaftes, eine zarte Keuschheit, eine Verletzlichkeit, Liebe und Zärtlichkeit gegenüber dem schweren Leben zum Ausdruck, die Isak wissen lässt dass ihm die schwerste aller Lebensprüfungen bevorsteht, dass er einen Läuterungsprozess durchlebt (Katharsis), und ihm schlussendlich von seinem Prüfer in seinem Examensbuch beruflich Inkompetenz bescheinigt wird. Der Prüfer lässt ihn danach an einer Szene teilhaben, in der Isak seine verstorbene Ehefrau mit ihrem Liebhaber beobachtet, wie er es vor 30 Jahren tatsächlich in der Realität beobachtet hat, und er jetzt, nach so vielen Jahren erneut von seiner Ehefrau mit seinen selbstsüchtigen Eigenschaften konfrontiert wird. Isak erwacht dann aus seinem Traum und vermisst die jugendlichen Anhalter, die von Marianne inzwischen wissen was für ein bedeutender Tag Isak bevorsteht. Nach der Zeremonie zum Doctor Jubilaris begibt er sich in sein Schlafzimmer und führt noch ein versöhnliches Gespräch mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter. Er verabschiedet sich für die Nacht von seiner Familie, den jugendlichen Anhaltern und seiner Haushälterin und liegt im Bett. Zum Einschlafen, zur Beruhigung, nach einem schweren Tag, ruft er gerne Szenen aus seiner Kindheit in sein Gedächtnis zurück. Wieder begegnet ihm im Traum die wunderschöne Sara im Garten des Sommerhauses Smultränslätten, die ihm zuruft dass es dort keine wilden Erdbeeren mehr gibt. Sara sagt ihm er möge seinen Vater suchen und Isak sagt ihr er kann weder seinen Vater noch seine Mutter finden. Sara will ihm helfen und reicht ihm ihre Hand und sie führt ihn über eine Wiese in Richtung See zum Bootssteg, wo sein Vater am Ufer angelt und seine Mutter in einem Buch liest und ihm zuwinkt. Die Szenen sind von ausserordentlicher Schönheit, die Landschaft, die wunderschöne junge Sara Hand in Hand gehend mit dem edlen Greis, die Eltern am Ufer des Sees, die kindliche Zartheit im Blick des Greises, wie Sara in der Unendlichkeit verschwindet und Isak einen letzten Blick auf seine Eltern wirft, wissend dass der Tod naht, wie er ihm im ersten Traum, als er sich in dem ihm unbekannten Stadtteil Stockholms verirrt hat und in dem geöffneten Sarg sein eigenes Antlitz gesehen hat. Der Kreis hat sich geschlossen. Man sollte noch beachten, dass Ingmar Bergman seinen Protagonisten gerne Namen aus dem Alten Testament gibt. In diesem Film: Sara, Isak, Aaron, Benjamin, Ewa. Ich will noch erwähnen, dass der grosse Regisseur und Schauspieler Victor Sjöström tatsächlich bald nach Beendigung des Filmes im Jahr 1960 verstarb. Grosses Kino, ohne Vorbehalt und Einschränkungen zu empfehlen.
Eine Rezension von Beate Liebscher "Beate Liebscher" Mainz
vom 21. September 2006
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