Eignet sich als "biographische" Einführung zu Bourdieu
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Rezension bezieht sich auf: Ein soziologischer Selbstversuch (Taschenbuch) Bourdieu hat nie einen großen Hehl daraus gemacht, dass er nicht viel von den meisten Biographien oder sogar von der Biographie im Allgemeinen hält. So schreibt er beispielsweise in der "Praktischen Vernunft" von der "biographischen Illusion" und legt auch in den "Meditationen" großen Wert darauf, dass er einem Unterkapitel nicht sein Leben, sondern "Unpersönliche Bekenntnisse" formuliert.

Auch im "Selbstversuch" rechtfertigt sich Bourdieu wieder eingehend und begreift die Schilderung seines Lebens als eben die Objektivierung des objetivierenden Subjekts, die im Titel dieses Buches schon angekündigt wird. In der Tat ist dies nur konsequent, denn damit lößt er gerade die Selbstreflexion ein, die er bei anderen (insbesondere bei Philosophen) so oft vermisst. Dennoch kann man den "Selbstversuch" als Autobiographie oder besser als Memoiren lesen. Bourdieu spart zwar sein privates Leben aus, seinen beruflichen Lebensweg schildert er jedoch in einer Genauigkeit, die ähnlichen Texten von Bourdieu (etwa die Unpersönlichen Bekenntnisse aus den Meditationen) nicht eigen war.

Bourdieu stellt sein Leben in einem sehr verständlichen Plauderton dar und verzichtet auf die langen, verzweigten Sätze, die seine theoretisch anspruchsvollen Bücher kennzeichnen. Gleichzeitig nimmt er jedoch eine Reihe von Nachteilen in Kauf, die er bisher immer kritisiert hat, insbesondere eine Emotionalität bzw. Sentimentalität, die autobiographischen Texten so leicht anhaftet. Seine Ausführungen zum Algerienaufhält beispielsweise, der ohnehin von seinen Kommentatoren zu einer "legendären" Etappen in Bourdieus Leben erhoben wurde, wird von ihm nun auch selbst weiter mystifiziert, indem er sich die typisch glorifizierende Haltung eines Ethnographen zu seiner lang zurückliegenden Feldforschung zu eigen macht.

Bisher kannten wir Bourdieu gerade als denjenigen, der eine solche romantisierende Haltung zu seinem Text bereits durch die trockene, distanzierte und objektivierte Darstellung so gut wie unmöglich gemacht hat. Für diesen Text hat Bourdieu also tatsächlich einige seiner Bedenken über Bord geworfen und schreibt ungehemmter, direkter und subjektiver als bisher.

Bei aller Kritik darf man jedoch nicht vergessen, dass dieser Text trotz seiner Schwächen und hoffentlich der biographischen Illusion zum Trotz die Kraft besitzt, demjenigen Orientierung zu bieten, der sich Bourdieus Werk über sein Leben nähern möchte - ein Versuch, der im Zusammenhang der selbtreflexiven Theorie Bourdieus durchaus möglich erscheint.

In diesem Sinne kann der "Selbstversuch" als eine biographische Einführung von Bourdieu in Bourdieu dienen und stellt eine nützliche Ergänzung zu all seinen theoretisch und praktisch anspruchsvollen Werken dar.

Das Buch enthält übrigens auch ein lesenswertes Nachwort, das nicht nur über die skandalösen Umstände der Erstveröffentlichung dieses Textes informiert, sondern auch sehr gekonnt auf wenigen Seiten einige Hauptideen des Theoriegebäudes von Bourdieu einführt. (Wer jedoch eine theoretische Einführung sucht, sollte bei M. Schwingel/Junius beginnen.)
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 14. Dezember 2002
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